von einer frau - vom schrei - über mensch - vom weißen raum - vom hören von bildern.

gertraud koller. geboren und wohnhaft in neukirchen am walde. 1700 einwohner zählt
der ort, der umgeben von bäuerlicher kulturlandschaft in der sanften hügeln des
hausruckviertels in oberösterreich liegt.
gertraud koller. als spätberufene beginnt sie rechtzeitig sich mit kunst - schwerpunkt
malerei - aktiv auseinanderzusetzen. sie wählt den weg des autodidakten, lässt dem
verlangen nach aus-druck keinen spielraum und setzt auf papier und leinwand, was ihr
innerstes ihr vorschreit. die stimme in ihr ist so gewaltig und vielsagend, der
nachzukommen unmöglich scheint und nur durch mühe und totalen arbeitseinsatz,
dabei die zeit vergessend, zum ergebnis führt.
gertraud koller. ein thema: mensch: manderl'. ihre bilder vom mensch sind piktogramme,
sind kalligraphien, mit einem strich durchgezogene seelenskizzen. auf papier. auf
karton. mit kohle, mit kreide, mit bleistift. mensch neben mensch, oft dicht gedrängt. die
augen groß und geöffnet, ein hoffnungsvolles lächeln auf den lippen. keine bedrohung,
eine andere welt als die unsere.
gertraud koller. der weiße raum: das atelier wird ausgeräumt, die bilder im
angrenzenden, ehemaligen stall eingelagert. das bespannen der keilrahmen mit
leinwand als prolog für die künstlerische tat. nächster schritt: das aufstellen der goßen,
weißen flächen - entlang der vier wände. das weiß wirkt beruhigend, tage wird es
betrachtet, bis zur unerträglichkeit genossen. der erste pinselstrich setzt dieser ruhe ein
jähes ende, das sterben der weißen flächen hat eingesetzt. dieser kampf geht schnell,
alles weiß will im selben augenblick sterben. das töten fordert kraft. kraft, die in strich,
farbe, textur, in ausdruck und wirkung ihren niederschlag findet. aus dem tod entsteht
neues leben. aus der spontanität. aus der eingebung. aus dem bauch. aus der er-
schöpfung. in einem zug. mit pinsel und hand. epilog: das leben betrachten, hinzufügen,
übermalen, beiseite stellen. auslagern. das nächste stück wartet schon.
gertraud koller. wie notenbilder zu einer melodie wirken ihre graphiken und malereien.
das instrument: die augen des betrachters. wer ihre bilder sieht, hört sie. durch rhytmus
und takt klar gegliedert, ist die abfolge der linien festgelegt. das unwiderrufliche
geschehen des augenblickes wird in seiner vergänglichkeit für die zeit danach
festgehalten. kann so immer wieder abgerufen, immer wieder hörbar gemacht werden.
möglich ist dies allen, die sich auf jenen lebendigen dialog zwischen kunstwerk und
kunstbetrachter einlassen, der die kunst seit jeher bestimmt.
fazit: wer ihre bilder nicht hört, kann nicht sehen.

text von: paul osterberger